Archiv der Kategorie: Blog

Wie ich zum Verleger, Autor und Vortragsreisenden wurde und was am Tag danach geschah.

Diktatorenromane

Fast alle Staaten Mittel- und Südamerikas erlebten und durchlebten ihre Zeit der Diktatur, was auch Einfluss auf die Literatur in jener Region hat. „Diktatorenromane“ ist ein südamerikanisches Genre, das sich mit den Lebenswegen der Diktatoren auseinandersetzt und dabei das Verhältnis von Macht zur Freiheit reflektiert, sich den Mitteln zur Machterhaltung, Repression und Widerstand nähert, aber auch Biografien vorstellt.

Die bekanntesten Werke in diesem Genre sind „Das Fest des Ziegenbocks“ (La Fiesta del Chivo) des Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa und „Ich der Allmächtige“ (Yo El Supremo) von Augusto Roa Bastos. Letzterer beschäftigt sich mit dem Leben des paraguayanischen Diktators José Gaspar Rodríguez de Francia, der von 1814 bis 1840 in Asunción herrschte.

Frau K. und Pocahontas

Eine Novelle.

Frau K. ist die Frau des Posthalters in einem kleinen 300-Seelen-Dorf in der katholischen Provinz im Nachkriegsdeutschland. Sie sortiert die Post, betrachtet sie, es sind ihre Nachrichten aus der großen, weiten, fernen Welt, die im Kreisstädtchen, elf Kilometer entfernt, bereits endet. Hin und wieder ein Care-Paket aus Amerika. Nichts aufregendes, wenn nicht vor drei Jahren ein Dichter in den Weiler gezogen sei, der ein Werk schreibt, das verboten werden soll.

Die Heimat in der Weltliteratur

„Freitag, 28. Mai., 6:40 Uhr, Sonnig, +16° C. Wir fahren früh um 7 nach Saarburg. D. h. wir steigen Station Perdenbach aus da soll evtl. noch eine Wohnung in neugebauten Häusern frei sein. Es war aber nicht wahr! – Schön ist dieses Trassem übrigens nicht. Halt “eine porage!“. Aber die Landstraße zw. Trassem und Saarburg ist prächtig!“

Alice Schmidt: „Tagebuch aus dem Jahr 1954“. Herausgegeben von Susanne Fischer. Berlin: 2005.

Kastel, 1954.

Anfang der Fünfzigerjahre lebte Arno Schmidt in Kastel, ein Dorf mit steilem Abhang zur Saar, grandiosem Ausblick über das rebenbewachsene Tal, mit dem Sarkophag des Blinden Königs und dem seligen Angedenken an einen Eremiten. Seine Frau Alice schrieb in dieser Zeit Tagebuch. Die Jahre 1954, 1955 und 1956 wurden in den vergangenen Jahren von Susanne Fischer editiert und geben einen erstaunlichen Einblick in das Leben in meiner Heimat und Begebenheiten, an die sich auch noch mein Vater erinnern kann – inklusive des Postboten Kees‘, dessen Frau danach die Poststelle in Kastel übernahm. Anschließend gab es eine Darlegung verschiedener Verwandtschaftsbeziehungen von und nach Kees und warum der Name Schmidt einfach nicht in das 400-Seelen-Dorf passen konnte. Nach einer gerichtlichen Auseinandersetzung verließ Schmidt den Abgrund des Saargaus und zog nach Darmstadt. Im August 1955.

Schmidt, Alice: Tagebuch aus dem Jahr 1954. Suhrkamp.

„Abmelden“. 1. Kapitel.

Ein Auszug aus dem ersten Kapitel des Romans „Abmelden“:

Sie räumt auf, verfrachtet die benutzten Utensilien in die Spülmaschine, wischt die Küche sauber, als wäre nichts geschehen, und gönnt sich eine Ruhepause, eine verdiente Ruhepause, wie sie findet, wie sie danach sich sehnt, wie es es nun haben will. „Der ist fertig und kann eine Stunde abkühlen, bis Mutter kommt.“ Müdigkeit befällt sie, es ist keine Zufriedenheit, sondern einfach nur Müdigkeit, eine schwere, bleierne Müdigkeit, die an ihr zieht. Sie setzt sich auf ihren Platz am Küchentisch. Regungslos starrt sie in die Zeit, die verstreicht, die Minuten, die verrinnen, die Sekunden, die tickend zur Vergangenheit werden. Leere. Keine Erinnerungen. Keine Gedanken. Keine Bilder. Einfach nur das Ticken der Eieruhr, das ihr bewusst macht, das Zeit vergeht. Fünfzig Minuten. Nach Backanleitung. „Ob das wohl stimmt“, fragt sie sich, „da werde ich wohl öfter nachschauen und kontrollieren müssen.“ Dabei möchte sie einfach nur sitzen bleiben und zuhören, wie die Zeit verrinnt. Ziellos. Ihr Körper hält sie an ihrem Platz, an ihrer Stelle in diesem Gefüge fest. Es dufte nach frisch gebackener Apfeltorte. Das gefällt ihr. Wiederum.

Fauntella Kara: Die Frau auf dem Bananenboot

Elise Schmit im d’Lëtzebuerger Land: „Ganz schön blöd“

„… Ganz Hanswurstiade ist „Die Frau auf dem Bananenboot“ also keineswegs. Wie der Narr, der seine Lächerlichkeit dafür in Kauf nimmt, dass er ungeniert die Wahrheit sagen darf, fragt auch Fauntella unbefangen und naiv nach, wo der Feminismus ihr nicht einleuchtet. Der Vulgärfeminismus, dessen Vertreterinnen, wie Fauntella findet, vulgärer sein wollen als die Männer und die damit offensichtlich den Mann als „Optimum“ und erstrebenswertes Ideal voraussetzen, bekommt dabei ebenso sein Fett weg wie die feministische Sprachkritik, der religiöse Machismus und Gendertheorien. Dabei arbeitet sie sich weniger an akademischen Texten ab, als vielmehr an deren populären Vereinfachungen – und kritisiert gleichzeitig, dass gewisse intellektuelle Kreise die Deutungshoheit über den Feminismus beanspruchen.

Ob ihre Bildungsfeindlichkeit Fauntella sympathisch oder einfach nur verbohrt und uninformiert wirken lässt, bleibt dem Leser überlassen. Im Einzelnen trifft sie aber häufig voll ins Schwarze. In vielen wunderbar pointierten Beobachtungen lassen sich tatsächlich misogyne Kontexte ablesen – etwa, wenn sie bemängelt, dass Leutnant Uhura in der Fernsehserie Star Trek kein Vorname zugebilligt wird, oder wenn sie einige Vertreterinnen des Feminismus’ der siebziger Jahre der Realitätsfremde und des „Gerontofeminismus“ bezichtigt. …“